«Ich möchte nicht mehr wütend sein.» Diesen Satz habe ich in den letzten Monaten immer wieder gedacht. Nicht laut und auch nicht bewusst, aber irgendwo tief in mir. Denn Wut fühlt sich schwer an. Sie macht müde, sie macht hart und nimmt einem irgendwann die Leichtigkeit. Dabei glaube ich heute gar nicht mehr, dass Wut das eigentliche Problem ist. Ich glaube vielmehr, dass Wut die Sprache eines Körpers ist, der viel zu lange geschwiegen hat.

Früher dachte ich immer, ich wäre einfach ein sehr emotionaler Mensch. Ich habe viel geweint und dachte, das sei einfach Traurigkeit. Heute weiss ich, dass viele dieser Tränen eigentlich Wut waren. Nur habe ich sie nie als Wut erkannt. Ich war nie der Mensch, der laut wurde oder Türen knallte. Meine Wut ist nach innen gegangen. Sie wurde zu Tränen, zu Erschöpfung und irgendwann zu einem Burnout.

Wenn ich heute zurückblicke, verstehe ich, dass Wut oft gar nicht die erste Emotion ist. Unter ihr liegen Verletzungen, Enttäuschungen, Hilflosigkeit oder das Gefühl, sich selbst über Jahre verloren zu haben. Wut ist häufig nur die lauteste Emotion, weil alle anderen so lange keinen Platz hatten.

Erst nach meinem Burnout habe ich verstanden, was eigentlich in mir passiert ist. Mein Körper befand sich über Jahre in einer dauerhaften Stressreaktion. Ich lebte im Überlebensmodus, ohne es überhaupt zu merken. Ich wollte alles richtig machen, niemanden enttäuschen, immer funktionieren und für alle da sein. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse so lange übergangen, bis mein Körper keine andere Sprache mehr kannte als Erschöpfung.

Rückblickend glaube ich, dass genau dort ganz viel aufgestaute Wut entstanden ist. Nicht, weil ich ein wütender Mensch bin, sondern weil ich mich selbst immer wieder verlassen habe. Weil ich Ja gesagt habe, obwohl ich Nein meinte. Weil ich meine Grenzen überschritten habe, bevor es andere überhaupt tun konnten.Mit jedem Mal, in dem ich mich selbst übergangen habe, habe ich auch ein kleines Stück von mir verloren. Irgendwann habe ich morgens in den Spiegel geschaut und gemerkt, dass da etwas fehlte. Dieses Leuchten in meinen Augen war verschwunden. Mein Lachen fühlte sich nicht mehr echt an und ich hatte das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Heute weiss ich, dass ich damals nicht nur erschöpft war – ich hatte mein Strahlen verloren.

Uns wird oft beigebracht, brav zu sein. Nicht zu laut, nicht zu sensibel und nicht zu emotional. Also lernen wir schon früh, unsere Gefühle zu unterdrücken. Wir lächeln, obwohl wir verletzt sind. Wir sagen, dass alles gut ist, obwohl in uns längst etwas schreit.

Mit der Zeit verlieren wir dadurch nicht nur den Zugang zu unseren Gefühlen, sondern auch zu uns selbst. Wir werden zu der Person, von der wir glauben, dass andere sie von uns erwarten. Irgendwann wissen wir gar nicht mehr, wer wir ohne all diese Erwartungen eigentlich wären. Dabei geht es bei Heilung gar nicht darum, jemand Neues zu werden. Es geht vielmehr darum, sich wieder daran zu erinnern, wer man vor all diesen Glaubenssätzen einmal war.

Das Problem ist nur: Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie speichern sich in unserem Körper. Irgendwann suchen sie sich einen Weg nach draussen. Bei manchen zeigt sich das als innere Anspannung, bei anderen als Gereiztheit oder ständige Wut. Wieder andere werden krank oder fühlen sich einfach nur noch leer. Irgendwann verlieren wir dabei den Kontakt zu uns selbst und vergessen, wer wir eigentlich wirklich sind.

Heute versuche ich meine Wut nicht mehr wegzudrücken. Ich höre ihr zu. Denn jedes Mal, wenn ich ehrlich hinschaue, entdecke ich unter ihr etwas ganz anderes. Traurigkeit. Enttäuschung. Angst. Oder einfach den Wunsch, endlich in Frieden leben zu dürfen.

Vor allem aber entdecke ich die vielen Momente, in denen ich mich selbst nicht gewählt habe. Ich habe mich angepasst, zurückgenommen und die Bedürfnisse anderer über meine eigenen gestellt. Erst als ich begonnen habe, mich bewusst immer wieder für mich selbst zu entscheiden, hat sich auch meine Wut langsam verändert.

Wut war für mich nie der Feind. Sie war der Teil in mir, der viel zu lange überhört wurde. Sie zeigt mir, wo ich meine Grenzen übergangen habe. Wo ich mich selbst angepasst habe. Wo ich vergessen habe, dass ich mich genauso wichtig nehmen darf wie alle anderen. Genau dort beginnt auch die Entscheidung, sich selbst wieder an erste Stelle zu setzen

Heilung bedeutet nicht, nie wieder wütend zu sein

Heute glaube ich nicht mehr, dass Heilung bedeutet, nie wieder wütend zu sein.

Heilung bedeutet für mich, die Botschaft hinter der Wut zu verstehen. Zu erkennen, wo ich meine Grenzen übergangen habe, wo ich mich selbst verlassen habe und wo ich wieder lernen darf, mich für mich selbst zu entscheiden.

Seit meinem Burnout habe ich gemerkt, dass es dabei nicht nur um Erschöpfung geht. Es geht auch darum, wieder Zugang zu seiner Weiblichkeit, zur eigenen Intuition und zu seiner inneren Ruhe zu finden.

With Love
Carolin

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