Vielleicht musst du dich nicht neu erfinden. Vielleicht musst du dich einfach nur erinnern.
Überall lesen wir, dass wir die beste Version von uns selbst werden sollen. Wir sollen wachsen, uns verändern, an uns arbeiten und unser «Higher Self» erschaffen. Lange Zeit dachte ich auch, genau darum würde es gehen. Dass irgendwo da draussen eine bessere Version von mir auf mich wartet und ich nur hart genug an mir arbeiten muss, um sie zu erreichen.
Heute sehe ich das anders.
Ich glaube nicht mehr daran, dass wir jemand Neues werden müssen. Ich glaube vielmehr, dass wir uns an die Frau erinnern dürfen, die wir einmal waren. An die Version von uns, bevor die Welt uns erzählt hat, wer wir sein sollen.
Denn wenn wir als Kinder auf die Welt kommen, wissen wir ganz genau, wer wir sind. Wir lachen laut, wenn uns danach ist. Wir weinen, wenn wir traurig sind. Wir sagen unsere Meinung, stellen Fragen, sind neugierig und träumen gross. Wir hinterfragen nicht, ob wir zu viel sind oder nicht genug. Wir sind einfach.
Erst mit der Zeit lernen wir, dass manche Seiten von uns scheinbar nicht erwünscht sind. Vielleicht wurde dir gesagt, du seist zu sensibel. Zu laut. Zu ehrgeizig. Zu emotional. Oder nicht selbstbewusst genug. Vielleicht hast du irgendwann begonnen zu glauben, dass Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit davon abhängen, wie gut du dich anpasst.
Und genau dort beginnt für viele von uns die Reise weg von uns selbst.
Wir verlieren uns nicht von heute auf morgen
Niemand wacht eines Morgens auf und denkt: Ich weiss nicht mehr, wer ich bin.
Es passiert schleichend. Du gewöhnst dich daran, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Du lernst, stark zu sein, obwohl du eigentlich müde bist. Du sagst Ja, obwohl sich in deinem Inneren alles nach einem Nein anfühlt. Du funktionierst, kümmerst dich um andere, willst niemanden enttäuschen und versuchst, alles richtig zu machen.
Das Schwierige daran ist: Für die meisten von uns fühlt sich dieses Funktionieren völlig normal an. Nicht, weil wir es uns ausgesucht haben, sondern weil wir damit aufgewachsen sind.
Unsere Eltern haben es uns vorgelebt. Sie sind arbeiten gegangen, obwohl sie erschöpft waren. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse hintenangestellt. Sie haben Verantwortung übernommen, weitergemacht und selten darüber gesprochen, wie es ihnen wirklich geht. Nicht, weil sie uns etwas Schlechtes beibringen wollten, sondern weil sie es selbst nicht anders kannten.
Auch sie haben wiederum von ihren Eltern gelernt, dass man stark sein muss. Dass Leistung wichtiger ist als Pausen. Dass man Gefühle lieber unterdrückt, als sie zu zeigen. Dass man funktioniert.
Über Generationen wurden diese Muster weitergegeben. Nicht aus Bosheit, sondern aus Überzeugung. Weil es damals oft ums Überleben ging und nicht darum, sich selbst zu verwirklichen.
Deshalb hinterfragen wir dieses Verhalten häufig gar nicht. Es ist unser Normal geworden. Wir glauben, das Leben müsse anstrengend sein. Dass man sich Liebe verdienen muss. Dass Erfolg nur durch Aufopferung entsteht. Dass man erst an sich denken darf, wenn alle anderen versorgt sind.
Irgendwann wird dieses Funktionieren zu unserer Identität. So sehr, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie weit wir uns von uns selbst entfernt haben.
Genau das ist mir passiert.
Lange dachte ich, mein Burnout hätte mit meinem Job begonnen. Mit zu viel Verantwortung, zu vielen Stunden und zu viel Stress. Natürlich hat all das eine Rolle gespielt. Aber heute weiss ich, dass die eigentliche Ursache viel tiefer lag.
Ich hatte über Jahre vergessen, auf mich selbst zu hören.
Ich war ständig damit beschäftigt, Erwartungen zu erfüllen. Ich wollte alles richtig machen, niemanden enttäuschen und beweisen, dass ich gut genug bin. Von aussen funktionierte ich. Von innen wurde ich immer stiller.
Irgendwann war ich einfach nur noch müde. Nicht müde, weil ich zu wenig geschlafen hatte. Sondern müde vom ständigen Kämpfen, alles richtig zu machen, gesehen zu werden und endlich das Gefühl zu haben, gut genug zu sein.
Bis mein Körper irgendwann nicht mehr mitgemacht hat.
Rückblickend glaube ich, dass mein Burnout nicht der Moment war, in dem ich zusammengebrochen bin. Es war der Moment, in dem mein Körper mich gezwungen hat, endlich wieder hinzuhören.
Was wäre, wenn du gar nicht kaputt bist?
Vielleicht fühlst auch du dich gerade erschöpft. Vielleicht hast du das Gefühl, dich selbst verloren zu haben. Vielleicht fragst du dich, warum dir Dinge, die dich früher glücklich gemacht haben, heute nichts mehr geben.
Oft suchen wir dann nach einer neuen Version von uns. Wir lesen Bücher, hören Podcasts, entwickeln neue Routinen und hoffen, dass wir irgendwann wieder «genug» sind.
Aber was wäre, wenn du gar nicht kaputt bist?
Was wäre, wenn unter all den Glaubenssätzen, Erwartungen und Rollen immer noch dieselbe Frau lebt wie früher?
Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Aber echt.
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, jemand anderes zu werden. Vielleicht geht es darum, alles loszulassen, was nie wirklich zu dir gehört hat.
Die lauteste Stimme ist oft nicht deine eigene
Viele Gedanken, die wir über uns selbst haben, stammen gar nicht von uns.
«Sei nicht so sensibel.»
«Reiss dich zusammen.»
«Du musst leisten, um etwas wert zu sein.»
«Sei nicht zu selbstbewusst, Männer mögen das nicht.»
Vielleicht kennst du den einen oder anderen Satz. Vielleicht hast du ihn sogar so oft gehört, dass er sich irgendwann wie deine eigene Wahrheit angefühlt hat. Doch als Kinder hinterfragen wir solche Aussagen nicht. Wir übernehmen sie. Wir beobachten unsere Eltern, unsere Lehrer oder andere Bezugspersonen und lernen daraus, wie das Leben angeblich funktioniert.
Wenn wir sehen, dass Mama sich immer zuletzt um sich selbst kümmert, lernen wir vielleicht, dass Selbstfürsorge egoistisch ist. Wenn Papa nie über Gefühle spricht, glauben wir, dass Stärke bedeutet, alles mit sich selbst auszumachen. Wenn Leistung ständig gelobt wird, beginnen wir zu glauben, dass unser Wert von dem abhängt, was wir leisten, und nicht von dem, wer wir sind.
Mit der Zeit legen sich all diese Überzeugungen wie Schichten über unser wahres Ich. Und irgendwann wissen wir gar nicht mehr, welche Stimme unsere eigene ist und welche wir lediglich übernommen haben. Deshalb bedeutet persönliche Entwicklung für mich heute etwas völlig anderes als noch vor ein paar Jahren.
Es geht nicht darum, immer mehr zu werden.
Es geht darum, immer weniger von dem zu sein, was wir nie waren.
Erinnern statt Erfinden
Ich liebe den Gedanken, dass wir nichts erschaffen müssen.
Dass wir uns nicht optimieren müssen.
Dass wir nicht jeden Tag versuchen müssen, eine noch bessere Version von uns zu sein.
Stattdessen dürfen wir uns fragen:
Wer war ich, bevor ich angefangen habe, mich anzupassen?
Wofür habe ich mich als Kind begeistert?
Wann habe ich mich lebendig gefühlt?
Was würde ich tun, wenn ich niemandem etwas beweisen müsste?
Ich glaube, genau dort beginnen wir, wieder zu uns selbst zu finden.
Nicht indem wir etwas hinzufügen.
Sondern indem wir Schicht für Schicht alles loslassen, was nie zu uns gehört hat.
Die Erwartungen.
Die Glaubenssätze.
Die Rollen.
Die Masken.
Die Angst, nicht genug zu sein.
Und unter all diesen Schichten wartet keine neue Version von dir.
Dort wartet die Frau, die schon immer da war.
Der Weg zurück zu dir selbst
Für mich begann dieser Weg nicht mit einer grossen Erkenntnis. Er begann mit kleinen Momenten.
Mit einem Spaziergang ohne Ziel.
Mit einem Journal, in das ich zum ersten Mal ehrlich geschrieben habe.
Mit Blumen, die ich mir selbst gekauft habe.
Mit einem Sonnenaufgang.
Mit einem Nein, das sich zum ersten Mal richtig angefühlt hat.
Mit der Entscheidung, nicht mehr ständig funktionieren zu müssen.
Und irgendwann habe ich gemerkt, dass etwas zurückkam, das ich lange vermisst hatte.
Nicht Motivation.
Nicht Produktivität.
Sondern Lebendigkeit.
Heute weiss ich, dass Heilung für mich nicht bedeutet, wieder die Frau zu werden, die ich vor meinem Burnout war.
Denn diese Frau hatte sich selbst längst verloren.
Heilung bedeutet für mich, mich an die Frau zu erinnern, die ich war, bevor ich geglaubt habe, jemand anderes sein zu müssen. Ich glaube, genau das ist der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und echter Heilung.
Selbstoptimierung fragt: «Wie kann ich noch besser werden?»
Heilung fragt: «Wer war ich, bevor ich geglaubt habe, nicht gut genug zu sein?»
Vielleicht kennst du sie auch noch
Vielleicht gibt es sie auch in dir.
Die Frau, die laut gelacht hat.
Die neugierig war.
Die kreativ war.
Die leicht war.
Die sich nicht ständig gefragt hat, ob sie genug ist.
Sie ist nicht verschwunden.
Sie wartet.
Geduldig.
Unter all den Erwartungen, Glaubenssätzen und Rollen, die du im Laufe deines Lebens übernommen hast.
Und vielleicht ist genau das der schönste Gedanke überhaupt.
Du musst dich nicht neu erfinden.
Du musst dich nicht reparieren.
Du musst nicht noch mehr leisten, noch produktiver werden oder endlich perfekt sein.
Vielleicht musst du einfach nur den Weg zurück zu dir finden.
Zu der Frau, die schon immer in dir war.
Denn tief in deinem Herzen weisst du längst, wer sie ist.
Du hast sie nicht verloren.
Du hast sie nur für eine Weile vergessen.
With Love
Carolin